Zweifel an Wahrheit

Missbrauch und Ausgrenzung

Irgendwie klingt der Begriff Wahrheit heute etwas altmodisch. Wahrheit gehört zu den Hochwerten, von denen jeder behauptet, dass sie unverzichtbar seien, obwohl gleichzeitig fast alle einräumen, nicht genau zu wissen, was sie bedeuten. Der Grund: Das Weltbild eines jeden von uns beruht auf dem Vertrauen, dass eine große Menge der Dinge, die man weiß, auch wahr sind.

Dieses Vertrauen in die Zuverlässigkeit unseres “Wissens” ist keineswegs selbstverständlich. In einem Fernsehfilm aus den 70er Jahren der DDR glaubte zum Beispiel einer der Handlungsträger, dass die Amerikaner nie auf dem Mond gelandet sind. Das sei alles nur Propaganda, um die Überlegenheit des kapitalistischen gegenüber dem sozialistischem System zu reklamieren. All die Dokumente und Filme davon waren, seiner Ansicht nach, in einem Hollywood-Studio entstanden. Diese Behauptung ist keineswegs so abwegig, wie sie auf den ersten Blick scheint. Wer kann schon zuverlässig unterscheiden, welcher Fernseh- oder Zeitungsbericht auf Wahrheit oder Erfindung beruht? Bei aller Kritik, vertrauen wir auf die Funktionstüchtigkeit von Institutionen wie Parlament, Rundfunkrat und Pressefreiheit, die die Eigenmächtigkeit von Staatsoberhäuptern und Firmenbossen kontrollieren sollen.

Wahrheit ist für uns informationsüberflutete Menschen also eine Sache des Vertrauens. Eine Art Gesellschaftsvertrag, der die Lüge verbietet, weil sonst die Grundfesten unserer Überzeugungen zerstört würden. Es mag nicht so wichtig sein, ob jeder glaubt, dass die Mondlandung wirklich stattfand. Es ist jedoch gerade heute von zentraler Bedeutung, dass wir uns auf die Zuverlässigkeit unserer Geschichtsbücher und Dokumente, auf denen sie beruhen, verlassen können. Wie sollen wir sonst den Propagandisten der Ausschwitz-Lüge entgegentreten, wenn sie behaupten, es habe die Millionen von jüdischen Opfern des Dritten Reichs nicht gegeben.

Dieser Konsens ist allerdings in Gefahr. Zweifel an der historisch überlieferten Wahrheit äußern nicht nur Neonazis, sondern zum Beispiel seit langer Zeit auch jene US-Bürger (Kreationisten), die die Lehre Darwins mit theologischen und inzwischen auch mit scheinbar wissenschaftlichen Argumenten ablehnen. In diesem Fall steht religiöse Glaubenswahrheit gegen naturwissenschaftliche Lehre. Lange Zeit wurde dieser Konflikt durch einen Wechsel der wahrheitssichernden Instanz von der Religion zur Naturwissenschaft gedeutet.

Doch auch wenn die so genannten exakten Wissenschaften durch ihre Methode großen Einfluss darauf gewonnen haben, was Menschen als wahr oder unwahr betrachten, so konnten sie doch nie den Rang der einzigen gültigen Wahrheitsinstanz erringen, den die Religion bis zu ihrer Spaltung am Ende des Mittelalters innehatte. Zur Zeit gefährden sie zudem ihre Glaubwürdigkeit durch übertriebene Erfolgsmeldungen, die offensichtlich nicht vom Wunsch nach wissenschaftlicher Diskussion, sondern von der Gier nach Forschungsgeldern motiviert werden.

Auch die Ideologien haben als Instanz für historische Wahrheit spätestens seit der Auflösung der (meisten) sozialistischen Staaten ausgedient. Als Ersatz dienen derzeit von Interessen gesteuerte Ansätze wie der Neokapitalismus, der sich zu Unrecht als “unideologisch” geriert.

Wir leben heute in einem Wust an Informationen:  von Nachrichten-Diensten, Sekten, politischen und wirtschaftlichen Interessengruppen, Werbung, Umwelt-, Friedens- und Tierschutzbewegungen, zwischen Individueller, gesellschaftlicher, Gesinnungs- und Verantwortungsethik, zwischen journalistischer und wirtschaftlicher Moral und der Wahrheit des Genusses den verschiedensten Askese-Varianten vom Nichtrauchertum über den Autoverzicht bis zum Verzicht auf fleischhaltige Nahrung reicht. Was uns abgeht, ist die einst vom Glauben vermittelte Wahrheitsinstanz, die eine hierarchische Ordnung in diese Wirrwarr aus scheinbar gleichwertigen Wahrheiten bringt.

Es gibt Versuche, die Uhr zurück zu drehen und die Trennung von Kirche und Staat aufzuheben. Nichts anderes bedeutet es, wenn US-Präsident George Bush, für die Gleichstellung des Kreationismus mit der Evolutionslehre plädiert. Umgekehrt versuchen muslimische Autoritäten, die Säkularisierung ihrer Bevölkerung mit dem (oft berechtigten) Hinweis auf die Verderbtheit des Westens zu bremsen. Dieser Weg führt uns zurück in die Konflikte der Glaubenskriege, anstatt Werte für eine künftige, friedliche Welt zu schaffen.

Ein anderer Weg wäre es, sich zu fragen, ob nicht vielleicht der Begriff der Wahrheit ausgedient hat. Er grenzt nicht nur aus und provoziert so Konflikte. Vor allem kommt man im Alltag nicht darum herum, ihn im Guten wie im Bösen zu missbrauchen. Fakten mögen zuverlässig belegt und unleugbar sein. Doch, die Macht der Wirkllichkeit zu erkennen, heißt nicht, sich ihr zu beugen. Man mag sich über die Zahl die in diesem Jahr eingewanderten Ausländer einig sein, dennoch wird eine Gruppe deswegen Überfremdung befürchten, eine andere daraus einen eklatanten den Mangel an kultureller Vielfalt erschließen.